Der Weg ist das Ziel – Vivawest Marathon (2)

201505017_vivawest_00Und dann war der Tag da: 17. Mai 2015, Start des Vivawest Marathon 2015. Premiere. Mein Respekt für die Strecke war ungebrochen, aber ich fühlte eher so was wie Vorfreude und keine Angst. Eine ungewohnte Streckenlänge bereitet mir immer ein wenig Aufregung und Nervosität, doch ich hatte die Vorbereitung ja ernst genommen. Daher erwartete ich einen guten Lauf für mich und meinen Laufkollegen. Lasst es uns jetzt endlich rocken!

Vor wenigen Tagen habe ich einen Blog über das Training zu diesem ersten Marathon geschrieben. Hier kommt jetzt der Blog zum Event.

Noch zuhause

Ich hatte eher unruhig geschlafen. Das geht mir aber jedes Mal vor einem neuen Wettkampf so. Etwa 15 Minute vor dem Wecker war ich hellwach und stand auch auf. So wie der Abend auf Twitter endete, ging es am Morgen direkt wieder los. Einige von den Läufern, mit denen ich mich gleich treffen werde, sind bereits wach und posten die ersten Tweets in meiner Timeline. Per WhatsApp werden noch die letzten Treffpunkte und Zeiten ausgemacht. Ich gehe erst mal ins Bad.

Zum Frühstück gibts einen Kaffee und ein Iso-Getränk für vor dem Lauf (Ultra Sports Buffer). Ein Brot mit Erdnusscreme und ein Schüssel Haferflocken sollen die Energie bis zum ersten Gel liefern. Gut verdaulich und eine Menge Energie. Dabei verfolge ich wieder die regen Posts in der Timeline.

Irgendwie hält sich die Nervosität in Grenzen, so dass ich mich am Ende schon etwas mit dem Anziehen sputen muss, um nicht noch zu spät loszufahren. Na klar, zu spät kommen, obwohl ich am nächsten dran wohne! Noch mal prüfen, ob ich alles dabei habe: check! Kann losgehen.

Vor dem Lauf

Ein Parkplatz ist recht schnell im Umfeld des Musiktheaters Gelsenkirchen gefunden. In unmittelbarer Nähe hierzu ist der Start-/Zielbereich. Am Springbrunnen am Messezelt haben wir uns für 8:00 Uhr verabredet. Auf dem Weg dorthin fährt die Straßenbahn an mir vorbei, welche die LäuferInnen von der Veltins Arena – der offiziellen Parkmöglichkeit – zum Start bringt: sie ist rappelvoll. Von der Bahnhaltestelle bis zum Startbereich bildet sich eine Menschenschlage, die scheinbar nicht abreißen will. Was ein Anblick.

201505017_vivawest_01

201505017_vivawest_02

Christian, Frederic, Michael und Sebastian stehen bereits am Treffpunkt. Kurz darauf stößt noch der zweite Michael dazu. Nach einer freundlichen Begrüßung quatschen wir noch ein wenig über dies und das, nicht zuletzt, um uns ein wenig abzulenken. Keine schlechte Taktik.

trrcrw_201505017_01_gruppeKurz bevor die vier Halbmarathon-starter in den Startblock müssen, machen wir noch schnell ein Gruppenbild. Man wünscht sich einen guten Lauf und dass man gesund ins Ziel kommt. Sebastian und ich haben ja noch etwas Zeit und gehen mit zum Startbereich, um Christian und Michael auf die Strecke zu schicken.

 

Vom Veranstalter ist der Vorlauf großzügig gewählt und so müssen die Beiden etwa 15 Minuten warten, bis es losgeht. Die einzelnen Startblöcke sind nach Zielzeiten eingeteilt und starten jeweils mit ein paar Minuten Abstand. Das entspannt das Feld etwas und niemand kommt sich in die Quere. Jeder Startblock wird mit einem eigenen Countdown und einem Schuß aus der Konfettikanone auf die Strecke geschickt. Die Stimmung ist so genial, wie letztes Jahr. 3, 2, 1 … Startschuß! Los geht es für den ersten Teil der Crew.

Sebastian und ich machen uns auf den Weg zur Kleiderbeutelabgabe. Wir haben noch etwas Zeit bis zum Start. In der Halle am Sportplatz können wir die Beutel abgeben. Die Abgabe ist gut organisiert und nachdem ich meine benötigten Sachen aus dem Beutel genommen habe, gebe ich diesen ab. Ich habe mich zur Vorsicht doch für den Brustgurt in Kombination mit der TomTom entschieden. Sicher ist sicher und den Puls möchte ich schon jederzeit korrekt im Blick haben. Wir gehen dann noch schnell die Blase leeren und machen uns auf den Weg zum Start.

Wir müssten eigentlich in getrennten Startblöcken starten. Da diese aber mit einer Verzögerung von 10 Minuten starten, wäre es nicht möglich zusammen zu laufen. Die Leute vom Orga-Team sind aber so nett und machen eine Ausnahme. Ich kann mich in den Startblock begeben, in dem Sebastian startet. Da die Zeitmessung per Champion-Chip funktioniert, hat das auch keinen Einfluss auf die Nettozeit.

201505017_vivawest_03Nach kurzem Warten startet die erste Gruppe Marathonläufer. Jetzt wird unser Block zur Startlinie geführt. Die Stimmung und die Musik treiben den Adrenalinpegel noch mal so richtig nach oben. Hauptsache ich starte nicht mit dem Tempo für einen 10km-Lauf. Die Zeit vergeht und schon gibt es für uns auch den Countdown: … 4, 3, 2, 1 … Startschuß!

 

Auf der Strecke

Da wir uns vorher eine Strategie nach Greif zurechtgelegt hatten, war das oberste Ziel dieses Tempo konsequent zu laufen. Zu Beginn haben wir 5:22min/km auf dem Plan gehabt. Es dauerte etwas, bis ich das Tempo im Gefühl hatte. Ich tendiere dazu, wie vermutlich die Meisten, zu Beginn eines Rennens zu schnell zu starten. Deshalb schaute ich oft auf die Uhr und habe die Funktion „Runden“ aktiviert, welche mir nach jedem Kilometer automatisch die km-Zeit angeben sollte. Ebenso hatte ich meinen Puls im Blick, um dort nicht dauerhaft in zu hohe Bereiche zu kommen. Das rächt sich am Ende – ganz bestimmt.

Obwohl ich schon einige Zeit laufend unterwegs bin, verlasse ich mich doch bei Wettkämpfen oder speziellen Trainingseinheiten lieber auf die Technik, als auf mein Körpergefühl. Das täuschte mich da in der Vergangenheit zu oft und ich musste am Ende das Tempo sehr drosseln.

Auf den ersten 500m gibt es eine Senke, die sich alle Teilnehmerinnen merken sollten. Hier muss man kurz vor dem Ende der Strecke noch mal durch. Also nicht zu früh mit dem Endspurt anfangen!

Mit einigen wohlwollenden Wellen ging es dann Richtung Zeche Zollverein. Der erste Sehenswürdigkeit auf der Strecke. Auf dieser Strecke führt es die Läufer etwa bei km 3 durch einen Straßenzug, den man gut benutzen könnte, einen Film über die Hochzeit des Bergbaus im Ruhrgebiet in authentischer Kulisse zu machen. Echt urig. Das Weltkulturerbe Zeche Zollverein erreicht man dann etwa bei km 5-6. Hier sind wieder einige Zuschauer an der Strecke und ein kleines Rahmenprogramm rund um den zweiten VP. Die Stimmung ist gut, auch bei uns. Wir sind jetzt warm und laufen locker das geplante Tempo.

Etwa bei km 7,5 wird es ernst. Hier trennt sich die Marathon- von der Halbmarathonstrecke. Während die Einen weiter Richtung Essen laufen, laufen die HM-TeilnehmerInnen wieder in Richtung Gelsenkirchen um auf die Trasse zum Nordsternpark zu gelangen. Ab hier betrete ich für diese Strecke Neuland. Mir ist gerade ein wenig mulmig.

Über einige kleinere Straßen geht es weiter Richtung Essen Innenstadt. Etwa bei km 10 kommt die erste ernst zu nehmende Steigung. Die Brücke an der Herzogstraße zeigt sich als unangenehme und langgezogene Steigung. Etwa 350m geht es hier allmählich bergauf. Der Puls geht etwas in die Höhe. Da die Rückseite der Brücke aber ein schönes Gefälle hat, regelt sich das relativ schnell wieder. Wer also im Training nicht nur ganz flach gelaufen ist, kommt hiermit gut klar.

Den Puls unter Kontrolle zu haben zahlt sich immer aus, besonders bei dem, was nach der nächsten Kurve auf uns wartet. Ich hatte diesen Anstieg schon im Streckenprofil bei www.gpsies.com gesehen, aber live und in Farbe macht der doch schon Eindruck. Die Hotterbergstraße heißt nicht zum Spaß so: knapp 20 Höhenmeter auf 400m treiben den Puls nochmal an die 170bpm. Dieser Anstieg kostet uns rund 30 Sekunden auf diesem Abschnitt. Insgesamt liegen wir aber noch bestens in der Zeit. Kein Problem hier.

Dafür werden wir aber direkt im Anschluß mit einem der interessantesten Abschnitte des Laufs belohnt: der Lauf durch den Rathaus Center. Eine überdachte Einkaufspassage. Auf dem Boden sind an den gefährlichen Punkten (Eingang, Kurven) Matten ausgelegt, die ein Ausrutschen der LäuferInnen verhindern sollen. Das ist aber heute bei dem tollen Wetter nicht wirklich nötig. Die stehende Luft und die Geschäftspassage haben eine interessante Atmosphäre. So einen Abschnitt hatte ich in dieser Form bisher auch noch nicht.

Kurz vor dem Ausgang steigt dann die Partystimmung wieder an. In der Fußgängerzone sind viele Zuschauer versammelt und machen richtig Lärm. Wieder ein kleiner Adrenalinschub. Ein wenig wellig geht es weiter durch die Innenstadt. Bevor ich die Innenstadt komplett verlasse und die Friedrich-Ebert-Straße überquere, ist mein Puls wieder schön ruhig geworden.

Wir lassen das Neubaugebiet unterhalb des Uni-Campus hinter uns und km 15 bringt uns weiter Richtung Bottrop. Angenehm flach geht es hier auf den nächsten Tempoabschnitt. Angepeilt sind laut Greif 5:13min/km. Wir ziehen also das Tempo etwas an und landen im Zieltempo. In manchen km-Abschnitten sind wir aber auch ein paar Sekunden schneller. Wobei es sich nicht schlecht anfühlt. Und schon kommen euphorische und leicht selbstüberschätzende Aussagen darüber, dass man sich am Ende noch rechtfertigen müsse, weil man die 3:45h deutlich unterboten hat. Dieser Lauf soll aber nicht unser Freund, sondern unser Lehrer sein, wie Sebastian so treffend gesagt hat.

Seit wir die 60 Minuten Marke überschritten haben (etwa bei km 11) habe ich an jedem VP einen Schluck Wasser getrunken und/oder etwas ISO-Getränk. Ebenso habe ich ab dort angefangen jede 30 Minuten ein UltraSports Gel zu nehmen. Ich will kein Risiko eingehen. Bisher ist der Plan gut aufgegangen.

Kurz vor der A42 in Bottrop-Ebel überschreiten wir die HM-Marke. Ab hier werden die Kilometer runtergezählt. Eigentlich nur ein psycholigischer Trick, der hilft, die Strecke zahlenmäßig nicht so lang erscheinen zu lassen. Hier wird mir eine Sache zum ersten Mal wirklich bewusst, die mir auf den letzten Kilometern noch nicht aufgefallen ist. Die freiwilligen Helfer am VP, besonders die Kinder, sprechen die LäuferInnen mit ihren Namen an. Auf den Startnummern sind diese aufgedruckt, daher ist das keine Hexerei. Aber es ist so was von aufmunternd und gibt einem einen positiven Schub. Ein ganz großes Dankeschön an alle HelferInnen.

Wir laufen ein Stück entlang der A42. Witzig irgendwie, da ich hier auch auf dem Nachhause-Weg von Oberhausen aus entlangfahre. Nicht witzig ist allerdings der Anstieg am Ende dieser kurzen Strecke. Hier geht es nämlich von weniger als der Höhe der Autobahn auf die Brücke im Bild unten.

201505017_vivawest_07

Von dort aus gelangen wir in die Welheimer Mark. Bis zum eigentlichen Stadtteil Welheim bleibt die Strecke eher ruhig. Spätestens als wir in das Gewerbegebiet in Welheim laufen, ist wieder Party angesagt. Ein Staffelwechselpunkt und ein VP sorgen dafür, dass viele Zuschauer an der Strecke sind und die LäuferInnen anfeuern. Egal wer da gerade vorbeikommt. Die Stimmung ist klasse. Langsam hilft dieser Support an der Strecke immer besser.

Ab hier wird an den VPs auch Cola angeboten. Ich hatte gelesen, dass man ab km 30 ruhig darauf zurückgreifen sollte. Der Zucker und das Koffeein können die Leistung aufrecht erhalten. Im Alltag vermeide ich normalerweise Getränke mit Kohlensäure. Ist so eine Angewohnheit. Ich hätte das besser so belassen sollen, denn auf den folgenden Metern steigt der Schaum im meiner Speiseröhre auf und begleitet mich ein ganzes Stück. Ist nicht so schlimm wie sich übergeben zu müssen, aber zu diesem Zeitpunkt möchte ich so was einfach nicht.

Notiz an mich: Cola im Marathon vermeiden!

Auf dem Weg nach Gladbeck-Brauck erreichen wir eine „magische“ Grenze. Als LäuferIn denkt man ja häufig in Zahlen und manche mentale Barriere ist an solche Zahlen geknüpft. Und hier war eine solche Zahl: km32. Sowohl Sebastian, als auch ich sind weder im Wettkampf, noch im Training je länger als diese 32 Kilometer gelaufen. Wir betreten sozusagen absolutes Neuland. Ab hier ist alles neu. Für mich stellt sich aber eher ein Gefühl von Freude ein, kein Gedanke daran, dass es ab hier besonders hart würde.

Allerdings merkten wir beide ziemlich gleichzeitig die Belastung in den Beinen. Sebastian sagte so etwas wie: „Ich hoffe ich bin nicht der Einzige, für den es gerade etwas härter wird?“ Absolut nicht. Vollkommene Zustimmung meinerseits. Es ist nicht in der Art, dass man aufgeben möchte, aber ab hier ist der lockere LongJog auf jeden Fall vorbei.

Jedes Gefälle wird dankbar angenommen. Man kann es einfach rollen lassen. Den Schwung mitnehmen und etwas entspannen. Auf der anderen Seite merkt man jeden Anstieg, auch wenn es nur eine leichte Welle ist, sehr deutlich. Einer der vielen Blicke auf den Puls zeigt aber, dass noch immer alles im grünen Bereich ist. Ein beruhigendes Gefühl. So kann es ruhig weitergehen.

In Gladbeck ist dann noch mal ein genialer Verpflegungspunkt. Die Stimmung ist absolut klasse und man kann noch mal eine Portion Adrenalin mitnehmen. Ab km 33 folgt eine etwas unagenehmere Strecke. Nahezu schnurgerade geht es für knapp 2 Kilometer über die Horster Straße und die Industriestraße. Das zieht sich ein wenig. Die Sonne ist mittlerweile auch richtig durchgekommen und meint es gut. Wolken wären mir jetzt aber deutlich angenehmer. Kann man sich nicht aussuchen.

Vom Gefühl her warte ich jetzt hinter jeder Abbiegung auf den nächsten VP im Nordsternpark. An irgendeiner Stelle konnte ich den Herkules auf dem Vivawest Gebäude doch schon sehen?! Ein kleiner Schlenker noch und dann konnten wir endlich die Partystimmung hören. Zwischen mir und dem VP lag aber noch dieser unheilvolle Anstieg über Kopfsteinpflaster. Etwas, das man sich bei km 36 absolut nicht mehr wünscht. Hilft nix! Schrittlänge verkleinern und nicht zu schnell werden. Wir fluchen abwechselnd so lange, bis wir endlich oben sind. Die Zuschauer unterstützen uns und feuern uns an. Entlang der Absperrungen sind wirklich viele Menschen und die Unterstützung tut einfach nur gut.

Hier liegt auch die Spendenmatte, die man als TeilnehmerIn der Veranstaltung (egal ob 10km, HM oder Marathon) freiwillig überlaufen kann. Wir laufen natürlich durch den Bogen mit der Matte. Noch ein paar Meter weiter und wir erreichen die Tische mit den Getränken. Ich weiß, dass es „nur noch“ etwa 6km sind und dass im Nordsternpark noch die eine oder andere Bodenwelle auf uns wartet, also dehne ich diesmal die Gehpause nach dem Trinken etwas aus. Die 3:45h ist jetzt sowieso nicht mehr realistisch. Ist aber auch kein Problem. Selbst wenn wir ab hier nur noch mit einer Pace von 6:00min/km laufen würden, wären wir immer noch unter 4:00h im Ziel.

Zum Glück meint es das Wetter immer noch gut mit uns. Die Sonne scheint zwar, aber es heizt sich nicht zu sehr auf. Hier und da frischt der Wind etwas auf und bringt angenehme Kühlung. Wie man sich über solche Kleinigkeiten freuen kann! Traumhaft!

Als wir den Nordsternpark verlassen, höre ich eine Stimme im Kopf, dass wir es wirklich bald geschafft haben. Die Stimme ist noch ganz leise, aber plötzlich spricht Sebastian genau diesen Gedanken aus und es wird irgendwie real, fassbar. Allerdings ist da auch noch eine andere Stimme. Und die wird langsam immer lauter. Hatte ich bisher immer nur die Belastung in den Beinen gespürt, so fängt mein linker Oberschenkel langsam an zu krampfen. Seit wir die 60-Minuten-Marke überschritten haben, habe ich zwar alle 30 Minuten ein Gel genommen und an den VPs ISO-Getränk. Aber irgendwann ist wohl der Punkt erreicht, wo die Akkus langsam in den roten Bereich kommen. Noch geht es aber. Wir halten uns gegenseitig auf dem Laufenden, was diese Wehwechen angeht. Wir sind jetzt etwa bei km 39. Allerdings sage ich Sebastian, dass er auf mich verzichten müsste, falls er eine Endbeschleunigung durchziehen wolle. Ihm ist aber auch gerade nicht danach.

Als wir auf die Hans-Böckler-Allee einbiegen, wird das Gefühl stärker, es bald geschafft zu haben. Das Ziel ist quasi in greifbarer Nähe. Etwa bei km 40 haben sich nochmal einige Zuschauer aufgebaut und ein Sprecher gibt die Namen der einzelnen LäuferInnen über Lautsprecher bekannt. Wie geil ist das denn? Als wir an ihm vorbei laufen, kann man auch unsere Namen hören und das Publikum reagiert mit einem guttuenden Applaus. Ich kann sogar noch meine Arme heben, um mich zu bedanken und ein leicht verkrampftes Lächeln bekomme ich auch noch irgendwie hin. Wow!

Die letzten Kilometer sind irgendwie dahingeschmolzen und die Schilder mit den Zahlen haben kontinuierlich gezeigt, das der Rest der Strecke weniger wird. Am Schild mit der Aufschrift „41km“ biegen wir in die Feldmarkstraße ein und ich sage Sebastian, dass es nur noch ein kurzes Stück ist und wir eigentlich nur noch die Senke vor uns haben. Als wir um die Ecke biegen staunen wir aber nicht schlecht, da die Laufkollegen vom Halbmarathon auf uns warten. Sie muntern uns auf und laufen sogar ein Stück mit uns! Dass wir noch echt locker aussehen würden – wenn die wüssten! Es tut an dieser Stelle echt gut, für die letzten 1000m diesen Adrenalinschub zu bekommen. Mann, tut das gut! Hatte ich das schon gesagt? Egal!

201505017_vivawest_05

(foto: Christian @okalapitschu)

Ab hier haben wir uns abwechselnd motiviert, dass es nicht mehr weit sei und die Senke gar nicht so schlimm aussah, wie wir sie in Erinnerung hatten. Auch wenn die Beine wehtun, können wir ein anständiges Tempo halten. Selbst bergauf ist jetzt egal! Tut halt weh. Na und? Als wenn es das die letzten 3 Kilometer nicht schon getan hätte!

Die Zuschauer wurden langsam mehr und von der Seite kommen immer mehr Rufe, dass man es bald geschafft hätte und man könne stolz auf sich sein. Und ganz ehrlich: ein gewisser Stolz keimt tatsächlich auf. Ich lasse mich von der Atmosphäre einfangen und spätestens, als Sascha und Manuela (ehem. SOL „Läufers“) in der Kurve zur Zielgeraden rufen und anfeuern, schalte ich den Autopilot ein und laufe einfach nur noch über den Teppich zum Zielbogen. Die Stimmung im Publikum ist genial und die Beine bewegen sich auf den letzten Metern bis zum Ziel wie von selbst. Bis zum Zielbogen sind es noch knapp 40 Meter. Jetzt noch mal einen Sprint hinlegen? Im Leben nicht! Wofür auch? Hier kommt es nicht mehr auf Sekunden an. Nebeneinander laufen wir letztendlich durchs Ziel.

Nach dem Lauf

Ich stoppe meine Uhr, als ich über die Matte laufe und sehe 3:53:33. Was eine geniale Zeit und was ein toller Lauf. Es sind nicht die angepeilten 3:45h geworden, aber das geht so vollkommen in Ordnung. Erster Marathon unter 4 Stunde: check! Wir stoppen ganz und geben uns entspannt und froh die Hand. Es ist geschafft und wir sind es auch!

Wir gehen langsam weiter und lassen uns unsere Medaillen umhängen. Absolut verdient. Sorry, das muss ich einfach mal sagen. Ein Marathon ist zwar nur viermal ein Volkslauf oder 10km mehr als meine längste gelaufene Distanz. Aber „in echt“ ist genau dieses Stück viel mehr, als man sich denkt. Der Respekt, den ich vorher vor der Distanz hatte, ist absolut gerechtfertigt.

Erst jetzt merke ich meine Beine wirklich und wie stark die Oberschenkel an den vorderen Innenseiten schmerzen. Krass! Die Verpflegungsstelle im Ziel bietet alles, was man jetzt braucht. Und das in großen Mengen. Auch hier muss man dem Organisationsteam ein großes Lob aussprechen. Apfelschorle, Wasser, IOS-Getränk, Cola, Banane, Müsliriegel, Brot mit Butter und Salz – absolute Spitze! Ich trinke erst mal abwechselnd Apfelschorle und Wasser und esse Banane. Langsam entspannen sich meine Muskeln in den Oberschenkeln. Nach dieser Erstversorgung schreibe ich meiner Frau kurz, dass ich gesund angekommen bin. Zeiten interessieren bei solch einer Nachricht nicht. Erst viel später bekomme ich mit, dass auf der Halbmarathondistanz ein Läufer etwa einen Kilometer vor dem Ziel verstorben ist. Ein fürchterlicher und dunker Schatten über dem ansonsten so tollen Event.

Wir gehen weiter bis zum Stand mit dem alkoholfreien Weißbier. Wir sind uns einig, dass wir noch einen großen Becher davon in der Sonne genießen, bevor wir zur Umkleide gehen. Das kühle Getränk tut jetzt wirklich gut.

Allerdings gibt es ein kleines Problem. Zum entspannten Trinken haben wir uns auf den Bordstein gesetzt. Von hier aus beobachte ich die Finisher, die nach uns ins Ziel kommen. Einige gehen echt mit steifen Beinen. Und das sollte mich jetzt auch ereilen. Als ich aufstehe ist noch alles gut. Sobald ich anfange ein paar Schritte zu gehen, verkrampfen meine Oberschenkel derart, dass ich wie auf Stelzen gehe. Es tut noch nichteinmal so sehr weh, aber es ist vollkommen unangenehm. Sebastian geht noch kurz zurück, um sich einen Riegel zu holen. Ich humpel bis zum nächsten Sonnenschirm und dehne ganz vorsichtig meine Oberschenkel. Langsam entspannen sie sich wieder und ich kann einigermaßen rund laufen. In aller Ruhe gehen wir zu den Umkleiden. Sebastians Gedanke an eine freie Massage der Oberschenkel wurde dadurch zunichte gemacht, dass die Schlange dort ziemlich lang ist. Dann eben nicht.

201505017_vivawest_06

(foto: Michael @laufruhr)

Kurz bevor wir die Sporthalle mit der Dusche und Umkleide erreichen, treffen wir Michael und Christian. Wir reden noch etwas darüber, wie toll dieses Event gewesen ist. Im Nachhinein stellte sich raus, dass sich jeder auf seiner Distanz verbessert hat. Was bei uns auf der Marathondistanz allerdings kein Problem war. Mir wird langsam kalt, selbst in der Sonne, und wir machen uns endgültig auf zur Ausgabe der Kleiderbeutel.

Da ich lieber zuhause dusche und es für mich nur wenige Minuten Fahrt sind, trennen sich hier unsere Wege und ich mache mich auf den Weg zu Auto. In trockenen Klamotten gehe ich am Zielbereich entlang. Noch einige Zeit werden hier die LäuferInnen gebührend empfangen, die nach uns ins Ziel gekommen sind. Auf der Wiese vor dem Musiktheater sind noch eine Menge Leute versammelt. Einzelläufer, Erwachsenen- und Schülerstaffeln, Zuschauer. Ich schnappe Gesprächsfetzen von stolzen Eltern der Schüler auf, die ich immer wieder auf der Strecke gesehen habe. Die haben auch ganz ordentliche Strecken bewältigt.

Den Weg zum Auto gehe ich in aller Ruhe und freue mich, dass meine Oberschenkel mittlerweile wieder schön entspannt sind. Es war ein tolles Event. Rundherum hat alles gepasst. Besonderer Dank geht an die vielen fleißigen Helfer an der Strecke, die immer freundlich waren und allen TeilnehmerInnen das Gefühl gegeben haben, hier wird sich mit Freude gekümmert.

Großer Dank geht an Sebastian. Dadurch, dass wir zusammen gelaufen sind, ist mir an gar keiner Stelle überhaupt die Idee gekommen aufzugeben. Das Tempo hat jederzeit gestimmt und es war toll sich einfach zwischendurch mal unterhalten zu können. Ja, sogar das ging zwischendurch. Seinen Bericht zum Lauf mit den fehlenden Details findet ihr unter www.sebastianrennt.de

 

Ein ganz dicker Kuss geht an meine Familie, die mich in der Vorbereitung
aktiv und passiv unterstützt hat. Ohne eure Mithilfe wäre das
Projekt Marathon nicht möglich gewesen!

Wichtigste Erkenntnis: der Marathon beginnt mit dem ersten Training, nicht mit dem Startschuss!

 

 

Für die Akten: da der Vivawest Marathon mein erster Lauf über diese Distanz war, ist es natürlich persönliche Bestzeit. Gelaufen bin ich in den Salming Distance D1 und ich habe in den Tagen danach weder in den Waden, noch in den Füßen noch sonstwo an den Beinen ein Problem gehabt. Von CEP kamen die Run Ultralight Socks und die Short Tights. Sie haben wieder gezeigt, was sie können. Das Shirt ist ebenfalls von Salming, so wie das Multifunktionstuch am Kopf. Die TomTom Cardio hat mir die Kontrolle über Tempo, Zeit und Puls gegeben (diesmal aber mit Brustgurt). Für Energie sorgten die Ultra Sports Gels in Berry. Geschmacklich auch nach dem 5 Gel immer noch topp!

Sorry, dass es nicht noch mehr Bilder von der Strecke gibt, aber auf der Eventseite, bei Runners World und der Westen sind eine Menge Bilder zu finden.

9 Gedanken zu „Der Weg ist das Ziel – Vivawest Marathon (2)

  1. Mattias, das war ein ganz toller Lauf mit Dir und der Bericht ist ebenso toll. Ich habe zu danken. Gemeinsam haben wir das Ding gerockt und dürfen uns nun „Marathoni“ nennen. Eine tolle Erfahrung, die ich mit einem super Laufpartner machen durfte! Danke.

    • Mir hat es ganauso viel Spaß gemacht, Sebastian! Ab km32 war es genial, die Strecke gemeinsam zu rocken und das Ding zuende bringen zu können.
      Danke gleichfalls, Matthias

  2. Schöner und ausführlicher Bericht. Toll geschrieben und ihr habt eine klasse Leistung abgeliefert Jungs !!! Und weiter geht´s…bis bald auf dem Asphalt ;o)

    LG Stephan

  3. Ein wirklich feiner Bericht ist Dir da über deinen ersten Marathon gelungen! Dann haben alle guten Wünsche (von Saschas und mir noch in unserer Startbox kurz vor dem Halben) ja doch geholfen!

  4. Noch einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Finish und vielen Dank für den ausführlichen, guten Bericht.
    Da habt ihr beiden wirklich ein sauberes Erstlingswerk abgelegt, eine Zeit unter 4 Stunden ist eine verdammt gute Zeit dafür, dass man nicht weiß, was auf einen zu kommt. Und wenn man dann noch so gut durchkommt, wie ihr beiden, dann freut das umso mehr. Nachdem wir letztens die Runden um die Kemnade gelaufen sind, hat mich das aber nicht wirklich überrascht, da habt ihr beide schon einen sehr starken Eindruck gemacht.

    • Vielen Dank, Thomas! Du als erfahrener Langstreckler kannst das besser einschätzen, als wir „Frischlinge“! 😉 Ich hatte aber wie Du das Gefühl, dass man das nicht mit zu wenig Vorbereitung angehen sollte.
      Beste Grüße,
      Matthias

  5. Pingback: TRR CRW beim Vivawest Marathon 2015 | TwittRunnerRuhr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.